”Saul” haben sie geschrien.
Und wisst ihr, wie das Spiel dazu hieß?
"Hau den Saul".
Samy
Die Eltern im Krieg. Die Mutter. Der Vater. Der schwarze Mann, wie Talat ihn getauft hat. Das schwarzes Loch. Das die Dinge zum Verschwinden bringt. Erinnerungen, ganze Jahre. Verschlusssache, viele Meter tief vergraben. Aber merkwürdigerweise lösen sie immer noch sehr starke Gefühle aus.
Aber was es ist, ich weiß es nicht. Dinge, die einem zu dem machen, was man ist, ohne sie zu kennen.
Dann gibt es Momente, die sind unauslöschlich. Als ob alles stillstehen würde seitdem. Eingefrorene Zeit. In der man herumlaufen und alles wieder und wieder betrachten kann, wie in einem Eis-Labyrinth.
Der Mann mit Bart und ohne Bart. Mit dunklen Brillen und Frisuren, die nicht zu ihm passen. Der Mann, der im Anzug geht und in speckiger Cord-Jacke zurückkehrt.
Wenn ihm danach war, konnte er ein vorzügliches "Räubergulasch" zubereiten, dass man wirklich überall, nur nicht am Tisch essen durfte. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war ich acht Jahre alt. Du hast mich in der Karlstrasse abgegeben und es hatte über dreißig Grad im Schatten.
Und die Frau mit den Riesenaugen, die oft in einer Stunde ganze Wochen nachzuholen versuchte. Anfallartig. Die einen überschwemmen konnte. Mit einem Flächenbombardement von Küssen, einer Unzahl von seltsamen Geschenken, für die man immer irgendwie gerade noch zu jung oder schon zu alt war. Die einen eine Nacht lang so halten konnte, dass man am morgen nicht mehr genau wusste, ob man wirklich gemeint war.
Irgendwann die Gewissheit: man war ein Unfall, ein Zwischenfall. Folge einer sexuellen Abreaktion zwischen "Pocke" und "Saul".
Und dann die anderen, für die man "Abschaum" war: du bist "Brut". Von "Mördern" und "Gesindel".
Richtig kennen gelernt haben wir uns nie, aber was Du sein sollst, oder für wenn man Dich hält, das hab ich am eigenen Leib zu spüren bekommen.
"Hau den Saul", eine beliebte Variante des "Himmel-und Hölle"-Spiels. Man lag zu gewissen Zeiten so günstig auf dem Heimweg von der Kneipenmeile in der Altstadt, dass man am nächsten Tag erstmal die Scherben auf dem Bürgersteig zusammen fegen musste. Das erzeugt eine interessant-vertrackte Wut. Es gab Tage, da will man den Arschlöchern kistenweise Altglas hinterher werfen. Da malt man grobkörnige Fahndungsfotos mit leuchtenden Farben aus. Da nimmt man Euch vor einem selbst in Schutz.
Aber es gibt auch die Bitterkeit, diesen erhabenen kaputten Stolz, den man empfindet, wenn man sich entschlossen hat, auf sein halbes Leben zu scheißen. Und aufs Mackertum, auf taffe Krieger.
Die Bitterkeit, wenn man begreift, dass man nur etwas wiederholt. Dich hat man ins Gefängnis gesteckt und ich habe mir eines gebaut. Zwei Hochsicherheitstrakte. Bei Dir will man das Draußen vor Dir schützen, und ich will mich vor dem Draußen schützen.
"... Angst vorm schwarzen Mann!
Und wissen Sie, wie der aussieht?
Der sieht aus wie Sie, Saul!
Talat
Je ne les comprends pas, les boches. Je ne les comprenderais jamais.